sculptor
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   Michael Post -                                                       zur Ausstellung: Linie – Fläche – Farbe – Raum - über Heiner Thiel Bildhauer Wiesbaden
Formen präsentieren sich in ihrer Raumbeanspruchung derart, dass sich beim verweilenden Hinsehen, sich eine Art Wechselspiel zwischen der Wahrnehmung des Ganzen, dann der Details oder umgekehrt einstellt .
Schon im Kubismus gab es das Phänomen, aufeinander folgende, fächerhaft zur Darstellung gebrachte Bewegungsabläufe, sowohl gleichzeitig oder aber auch wechselseitig, nach und nach wahrzunehmen .
In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre entstehen eine Vielzahl von Graphitzeichnungen, welche im Kontext der Bodenskulpturen entstehen, aber wie alle Zeichnungen Thiels als autonom zu betrachten sind: Auf Pergamentpapier eingefärbte Graphitfelder wirken in einer durch freigelassene Linien definierten perspektivischen Zuordnung teils flächig, teils dreidimensional .
Dem Wechselspiel zwischen ganzheitlicher und detaillierter Wahrnehmung der Dimensionen kommt hier durch eine Art flächig simulierten Illusionismus ein räumlicher Kippeffekt hinzu .
Wie eine ganze Reihe nachfolgender und hier in dieser Ausstellung zu sehende Zeichnungen belegen, haben sich die Flächen zunehmend zum Rechteck hin tendierende Formen angenommen.
Die angestrebte illusionistische Raumwirkung entsteht irgendwo zwischen Parallelperspektive und Isometrie, wie man es besonders deutlich an den eher würfelförmigen Darstellungen ablesen kann .
Die angestrebten Kippwirkungen entstehen hierbei durch spielerisch zeichnerische Versuchsanordnungen, bis sich der visuelle Effekt einstellt .
Die Erkenntnis, dass die Visualisierung von linearperspektivisch eingezäunten und durchdrungenen Graphitflächen zu diesen gewünschten, unsere Wahrnehmung stimulierenden Wirkungen führt, prägt nachhaltig auch das plastische Werk Heiner Thiels in den 90er Jahren, wie es einige exemplarische Wandarbeiten aus Stahl in dieser Ausstellung belegen: Die perspektivischen Linien, welche illusionistische Tiefenräume suggerieren, finden hier in der halbplastischen Transformation ihre Entsprechung .
Die paradoxale Wirkung dieser Verschiebung von realen und nicht realen Bezügen – die Illusion wird gegenständlich – lässt die Frage nach der Wirklichkeit offen, so oft sie auch gestellt werden mag .
Dass die plastische Form allerdings messbar vorhanden ist, ist unstrittig: Gemessen wird am Objekt, gesehen wird beim Betrachter.
Dieser muss für sich klären, vorausgesetzt er lässt sich auf ein derartiges Gedankenspiel ein, welche Ebene ihn gerade packt – das Bild von der Wirklichkeit oder die Wirklichkeit des Bildes .
Ich fürchte allerdings, es gibt hier kein Entrinnen .
Heute tun sich in der Physik analoge Fragestellungen auf, nämlich welche in kleinsten Zusammenhängen digital erzeugte „Wirklichkeiten“ bzw .
deren Abbilder sind Wiedergaben von virtuell animierte Vorstellungen dessen .
Auf der Spur nach der Wahrheit sieht sich der Betrachter einer sehr komplexen und teilweise auch ideologisch geführten Diskussion gegenübergestellt .
Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang auch stellt, ist: Wem dient welcher Anspruch auf Realität und Wahrheit! Die Kunst ist mitnichten eine Illustration naturwissenschaftlicher Betrachtungsweisen .
Sie folgt nicht den Wissenschaftsbildern, sondern sie hat ihre eigenen .
Wie die hier ausgestellten autonomen Arbeiten von Heiner Thiel beweisen, besteht allerdings die Möglichkeit, außerhalb solcher Einbindungen und Machtansprüchen, sich ganz grundsätzlich dem Phänomen dessen, was ist und wie es ist geistig anzunähern .
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