Heiner Thiel
sculptor
Dr. Bernhard Holeczek Eröffnungsrede zur Ausstellung "KUBUS" im Kunstverein Ludwigshafen e.V. Februar 1994
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handgreifliche, handfeste, nicht esoterisch, dennoch sinnlich - bei aller anscheinenden kühlen Intellektualität. Was Heinrich Wölfflin für Renaissance und Barock aufeinanderprallen ließ, stellt hier sich jedoch nicht als ein gegeneinander der Formkräfte dar, sondern als ein Miteinander, als ein Zusammenwirken Dafür ist sie zu sehr sich - selbst - verständlich, und. .Sein formales gestalterisches Anliegen hat der Künstler in einem konzisen Statement 1990 klar formuliert, wenn er schreibt: " Fläche wird Raum - Raum wird Fläche: Fläche und Raum definieren sich gegenseitig, d.h. sie sind losgelöst voneinander nicht vorstellbar. Mich interessiert der >Grenzbereich< zwischen Fläche und Raum, oder: wann wird eine Fläche räumlich und wann ein Körper flächig. Die Mittel sind mir gegeben: Linie - Fläche - Raum. Die Möglichkeiten: wie der Raum - unendlich." Das alles klingt nach einem streng formalistischen Programm. Wo bleibt, könnte da einer fragen, wo bliebe denn da der Mensch? Gemach, gemach! Der Formalismus-Vorwurf hat Tradition, er traf einst wie ein Bannstrahl die Künstler des frühen Konstruktivismus, und er haftet noch bis heute den Künstlern der sog. "konkreten" Richtung an. Und damit wären auch bereits die künstlerischen Ahnen ebenso wie das geistige Umfeld Heiner Thiels benannt. Doch gerade die
derart geschmähten Konstruktivisten waren die Verfechter sehr konkreter - auch gesellschaftspolitischer - Utopien. Gerade in einer Zeit, die der Kassandra-Ruf vom "Ende der Utopien" begleitet, sind wir froh darüber, solche glücklicherweise doch noch nicht vollständig verschütteten oder verlorenen Traditionen pflegen zu dürfen.Diese Kunstwerke, die wie funktionalistische Konstrukte wirken - verdankensie doch ihre Entstehung auch dem kundigen Umgang mit Reißbrett und Lineal -, vermögen sich dennoch mit einer eigenen Aura zu umgeben, einer Aura, die Walter Benjamin "im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" für das Kunstwerk verloren schien. Diese "Aura" ist nicht unbedingt eine der Spiritualität, wenngleich ich eine solche diesen Werken durchaus nicht von vornherein absprechen wollte, sondern eine der Sensibilität, die des gefühlten - und nicht eine des errechneten - so und nicht anders.Die Gratwanderung im indifferenten Bereich zwischen Fläche und Raum ist wohl nur deshalb von der drohenden Gefahr des Abstürzens weniger bedroht, weil sich ihr der angemessene Umgang und der sichere Einsatz des Materials als Stütze hinzugesellt. Die schweren Stahlbleche wie Papiere gefaltet, die Oberlächenbehandlung und ihre Farbgebung (Bronzebleche), der Einsatz von Licht und der von
Schatten. Das äquilibristische Hin- und -Zurückbegleiten von der Fläche in den Raum und vice versa gelingt durch die spezifische Materialität dieser plastischen Metallarbeiten, jedoch ebenso auch die der Zeichnungen. Ebensowenig wie es eine Kunst aus dem luftleeren Raum ist, handelt es sich hier um eine Kunst im luftleeren Raum - und schon gar nicht um eine für den luftleeren Raum. Denn ich habe diesen Ausstellungsraum hier -wohl den schönsten in unserer Region - bei einer Kunstausstellung noch nie so "leer", so ganz Raum, erlebt. Doch eigenartigerweise will er dennoch schier bersten vor künstlerischer Fülle. Was gäbe es noch mehr zum Lobe dieser Ausstellung zu sagen?
Dr. Bernhard Holeczek