Heiner Thiel
sculptor
Dr. Bernhard Holeczek Eröffnungsrede zur Ausstellung "KUBUS" im Kunstverein Ludwigshafen e.V. Februar 1994
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Heiner Thiel unter einem Baldachin vorzustellen.) Nein, dies ist eben keine Nischenkunst, auch keine, die einer Erhöhung durch ein Tabernakel bedürfte. Sie darf nicht isoliert und sie will nicht erhöht sein.
Das spricht für Selbstbewußtsein gleichermaßen wie für Selbstbehauptung. Es ist keine Kunst, die künstlich "erhöht" werden müßte. Andererseits handelt es sich dennoch um eine Art von Skulptur, die sich selbst in Frage stellt, wenn auch nur, um letztlich über solche Fragestellung zu triumphieren. Etwas vollmundig formuliert, könnte es sich bei diesen plastischen Arbeiten um den Versuch einer Neudefinition skulpturaler Tektonik handeln, die keine tragenden und lastenden Teile mehr kennt, nicht die Standbein - Spielbein - Mentalität aus den Bewegungs- und Spannungsverläufen des klassischen Kontraposts kolportiert. Solches Infragestellen läuft über den spielerischen Umgang mit der Realität, worunter hier nicht die sichtbare Wirklichkeit verstanden sei, sondern die Methoden ihrer Darstellung und Wiedergabe und daraus resultierend die Konditionierung unseres Auges, unserer Sehmechanismen durch eben diese Methoden. Heiner Thiel stellt mit seinen Skulpturen den Raum bzw. die Räumlichkeit in Frage, indem er nicht etwa die Scheinräumlichkeit mit dem realen Raum
konfrontiert, sondern indem er beide miteinander kombiniert. In solchem Zusammenwirken wird die einstige Illusion der linear- oder zentralperspektivischen Raumsuggestion in eine Irritation übergeführt. Mit einem shakespear'schen Kalauer müßte man jetzt räsonieren: "Raum oder Nicht-Raum - das ist hier die Frage." Auf jeden Fall wird der Betrachter verunsichert in seinen optischen Erfahrungen, in seinen längst nicht mehr reflektierten Sehgewohnheiten. Dadurch sollte er aus seinem passiven Rezeptionsverhalten der Kunstbetrachtung herauszuzwingen sein, um ihn - den Betrachter, den Kunstfreund - zu aktiver, teilnehmender und teilhabender Auseinandersetzung zu leiten, die dann eine Zueinandersetzung würde.Die erzielten Irritationen gleichen einem Wechselspiel von Schein und Sein, und die Wirklichkeit tritt in den Dienst der Illusion, nicht umgekehrt, indem sich die Wirklichkeit des Kunstwerks, des autonomen Kunstwerks, die Mittel von Nachahmung und Täuschung ihrer selbst ironisch spielerisch untrennbar einverleibt. Dabei ist es beileibe keine belehrende, didaktische "Kunst mit dem Zeigefinger". Vielmehr ist es oft eine von Andeutungen, versteckten Hinweisen, verschlüsselten Setzungen, die eine Ergänzung oder eine Analyse durch den Betrachter
herausfordern. Sie ist alles andere als hermetisch oder geheimnisvoll, sondern im besten Sinne Theo van Doesburgs in ihren Gestaltungselementen klar lesbar und nachvollziehbar.Immer wieder drängen sich bei der beschreibenden Analyse die hinlänglich abgenutzten Vokabeln von der offenen und geschlossenen Form auf. Und just hier erfährt der kunsthistorische "Fachidiot" seine Achillesferse bzw. sein siegfriedsches Lindenblatt: denn spätestens hier landet er bei den Wölfflinschen Grundbegriffen, die noch heute jeder Student der Kunstgeschichte spätestens im 2. Semester verinnerlicht haben muß. Und um uns von ihnen zu befreien, seien sie rasch rekapituliert jene 5 "Kunstgeschichtlichen Grundbegriffe" Heinrich Wölfflins aus dessen 1915 erstpublizierten gleichnamigen Buch, das bis heute Standartwerk geblieben ist: Die 5 darin untersuchten Gegensatzpaare lauten: Das Lineare und das Malerische (wobei wir bei Heiner Thiel für Letzteres wohl Oberflächentextur setzen müßten), weiter Fläche und Tiefe, geschlossene und offene Form (da haben wir's), Vielheit und Einheit so wie schließlich Klarheit und Unklarheit.Und wenn wir ehrlich sind, kommen wir mit diesen Begriffspaaren, den Dualismen und Polaritäten, schon ein gehöriges Stück weiter in unserer geistigen Aneignung der künstlerischen Welt Heiner Thiels, die ganz und gar keine "künstliche" ist, sondern eine durchaus.....>>